Indien

Fakten

 


 

Wer war da: Fjodor

 

Wann: Februar 2013

 

Anlass: Hochzeit eines Freundes

 

Reiseroute: Mumbai -> Mangalore -> Goa -> Belgaum -> Mumbai

Eindrücke

Indien ist dreckig, laut, stinkt und macht krank! Typische Vorurteile über eine der größten Nationen der Welt. Komplett falsch sind die Aussagen nicht, denn an solchen Sprüchen ist ja bekanntlich immer was dran. ABER, man kann Indien auch so beschreiben: interessant, verrückt, bunt, lecker und aufregend. Ich habe in Indien beides gesehen, in Erinnerung ist mir allerdings überwiegend das Positive geblieben. Ich nehme euch mal mit auf einen kleinen Ausflug zum "King of good times" ...

 

Ich arbeite als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität und betreue unter anderem Studenten. Im Jahr 2012 habe ich die Masterarbeit eines indischen Austauschstudenten betreut. Nach einiger Zeit und vielleicht zwei zehn Bier hat er mich und meine Bürokollegen zu seiner Hochzeit in Indien eingeladen.


Indien: das war für mich immer ein Land wo ich eigentlich gern hinwollte, aber es vermutlich nie hingeschafft hätte - ihr kennt das ja, man muss immer Prioritäten setzen. Hier hat es sich allerdings angeboten und ich hatte noch ein paar Urlaubstage, also schnell einen Flug gebucht und schon ging es zu dritt los zur Hochzeit nach Indien.


Über London mit Virgin Atlantic direkt nach Mumbai. Erster Eindruck: Mumbai ist rieeesig. Die Sonne scheint (Februar ist Trockenzeit) und bei 34° die Stadt erkunden macht eigentlich nur so richtig Spaß in einer Riksha. Also Daumen raus und los geht es. Natürlich fallen einem sofort die Tiere auf der Straße und der viele Müll auf. Wirklich schön ist das nicht, aber es gehört irgendwie zum Stadtbild. Wir sind zunächst an den Strand, haben dort einen kleinen Spaziergang gemacht und dann endlich Mittag. Butterchicken über den Dächern Mumbais und dazu ein Mango Lassi - so habe ich mir das vorgestellt. Danach weiter die Stadt erkunden, am größten Slum Asiens (Dharavi) vorbei zum Chowpatty Strand (besser bekannt als Toxic beach). Den Rückweg haben wir stilecht im ÖPNV Mumbais gemeistert, denn Zug fahren in Indien ist ein Highlight! Die regionale S-Bahn (?) hält nicht wirklich an sondern wird nur langsamer. Menschen springen ab und auf, die Waggons sehen aus wie Käfige von innen, es gibt spezielle Waggons für Frauen und es ist einfach immer voll. Mumbai ist sehr sehr spannend, ein entspannter City-Trip sieht allerdings anders aus. Danach ging es dann mit Jetairways nach Mangalore zur Hochzeit.

Über eine indische Hochzeit muss man wissen, dass diese nicht wie bei uns aus der standesamtlichen Trauung und einer optionalen kirchlichen Trauung besteht sondern, dass die Zeremonie (anders kann man es schon fast nicht nennen) zehn ganze Tage dauert und an mehreren Orten stattfindet! Und ich muss sagen, obwohl ich da war kann ich garnicht genau sagen, was da genau wann passiert ist. Wir sollten an insgesamt drei dieser zehn Tage an den Feierlichkeiten teilnehmen: 


Tag 1: Empfang bei den Eltern der Braut mit Henna-Bemahlung und Tanzaufführungen

Zu meiner Überraschung waren wir insgesamt 12 ausländische Gäste. Wie das ja so häufig bei solchen Feiern ist, sind diese dann ein Highlight. Am Tag noch schnell ein paar indische Tanzschritte auswendig gelernt und Abends vor allen Freunden der Familie auf der Bühne vorführen. Ist nicht so einfach wie man denkt ;)

Alle Frauen sind mit Henna bemahlt und neben dem Tanzen finden eine Reihe weiterer Aufführungen statt - alles sehr sehr bunt. Leider sind diese nicht auf englisch, aber sehr schön anzusehen. Zudem gibt es wie immer leckeres Essen. Die Inder essen nur mit den Händen, was etwas gewöhnungsbedürftig ist, bzw sogar nur mit der rechten Hand, da die linke zum Abwischen anderer Luken benutzt wird ;)


Tag 2: Eigentliche Hochzeitszeremonie (Dauer: 4-5h, Gäste: kleine Hochzeit - ca. 800)

"Anzüge sind nur für Business!" - das war die Antwort auf meine Frage, was man denn so zur Hochzeit anziehen sollte. Zum Glück haben Verwandte des Bräutigams die passende Kleidung für uns organisiert. Diese besteht aus einer pyjamaartigen Hose, einem sehr langen festen Hemd und einem Turban. Für mich als Jogginghosen-Fan war das ein sehr gemütliches Outfit. Die Hochzeit hat in einer Kongresshalle stattgefunden. Auf der Bühne sitzen Braut und Bräutigam und es passiert die ganze Zeit irgend etwas: mal werden Gewürze gemahlen, mal Reis gestreut, mal Kokosnüsse geküsst. Das Ganze wird von Musik und ständigem Outfit-Wechsel der "Hauptdarsteller" begleitet. Die Zeremonie ist komplett interaktiv. Es laufen ständig Menschen rum und Zuschauer aus dem Publikum gehen mal nach vorne machen einen Teil mit oder schießen ein paar Fotos, dann setzen die sich wieder zurück. Nachdem man das Prinzip durchschaut hat, macht eine solche Hochzeit unglaublich viel Spaß. Man sitzt nicht einfach rum sondern hat immer etwas zu tun (ja man wird auch als Außenstehender in die Ritualien eingebunden). Immer wieder wird das Ganze dann für Essens-pausen unterbrochen. Kurz um: es macht riesig Spaß! Kleiner Nachteil: Es gibt keine alkoholischen Getränke und es entsteht nicht so wirklich eine Feier wie wir sie kennen, aber dazu weiter unten.


Tag 10: Empfang bei den Eltern des Bräutigams

Die Familie des Bräutigams lebt in Belgaum (ca. 500 km nördlich von Mangalore) in einem alten Fort (eine Art Festung). Diese wurde von den Engländern in der Kolonialzeit auf acht Grundstücke aufgeteilt und typische Kolonialhäuser sind dadrauf entstanden. Dort fand der abschließende Empfang statt. Hier waren alle wieder recht europäisch-schick gekleidet. Ein riesiges Buffet (habe ich bereits erwähnt, dass ich indisches Essen mag?) und mal wieder unzählige Fotos mit den ca. 500 Gästen. 

Zwischen den Hochzeitstagen haben wir unsere Zeit in Goa verbracht - die alte Hippiehochburg mit den weltbekannten Goaparties. Es ist ein sehr spezielles Fleckchen Erde. Neben Gras rauchenden und sonst was schluckenden Touristen, die den gesamten Jahresurlaub dort verbringen, über sehr hart feiernde Russen, findet man sehr schöne kleine Marktplätze und wundervolle Strände. Durch die Sperrstunde um Mitternacht (gilt in ganz Indien), ist der Spaß allerdings schnell vorbei, wobei einige Läden diese überziehen. Ein Piepen auf den Ohren ist allerdings immer garantiert! Einfach ein verrückter Ort.


Zum Abschluss unserer Indientour ging es nochmal nach Mumbai - diesmal in den südlichen, englisch-geprägten Teil. Die Bauten sind wunderschön und man fragt sich wie sich diese zum Teil sehr arme Bevölkerung sowas leisten kann. Victoria Station oder das Gateway of India sind sehr beeindruckend. Eine Kuh oder ein Hund darf allerdings auch an solchen Plätzen nicht fehlen. Es ist und bleibt einfach das Land der Gegensätze ... Neben reichen Wohnvierteln betteln kleine Kinder, weltbekannte Denkmäler werden durch Kühe bereichert, obwohl Drogenmissbrauch bis zur Todesstrafe führen kann, ist Goa gefühlt ein öffentlicher Marktplatz dafür, schöne Strände sind teilweise toxisch und das leckerste Essen kann die größten Magenprobleme hervorrufen. Letzteres ist uns auch passiert. Aus totalem Übermut haben wir uns am letzten Tag an einen Straßenhändler getraut. Man könnte nun sagen, das war ein Fehler, aber ich finde der sogenannte Dehli-Belly gehört eben auch zum Indienabenteuer dazu. Außerdem hatte ich so auch Wochen danach noch etwas davon ;)

Ihr fragt euch jetzt sicherlich was das Ganze mit dem King of good times zu tun hat ?! OK, hier also die Wahrheiten über Indien:

 

Alkohol in Indien: Obwohl es in Indien total verpöhnt ist Alkohol zu trinken und man ihn nirgendwo bekommt, wo es Tageslicht gibt, betrinkt sich gefühlt die halbe Bevölkerung täglich. In Liquorstores, die man von Außen zum Teil nicht erkennt, gibt es alles und in allen Mengen. Whiskey gibt es beispielsweise in 0,1 0,2 0,3 ... 1,0 Liter Flaschen. Die Inder gehen hin und kippen die Flasche ihrer Wahl so schnell wie möglich noch vor Ort runter. Meistens ist an die Läden ein kleines Kabuff angeschlossen, in dem man das Getränk genießen kann. Da wir uns auf dem Hinflug im Duty Free eingedeckt haben, beschränkten wir uns vor Ort auf Bier: Kingfisher - the King of good times; so der Werbeslogan. Dieser hat uns sehr viele solcher versteckter, teils skuriller und geheimnisvoller Läden gezeigt. Mein Favorit: Ihr kennt doch alte Telefonzentralen, in denen es kleine Kabinen zum telefonieren gab? Sowas wurde zu solch einer "Bar" umgebaut. Man holt sich am Tresen sein Getränk und geht dann in eine solche Kabine in der ein kleiner Tisch mit vier Stühlen steht - Tür zu und man kann unbeschwert genießen - verrückt!

 

Kasten: Offiziell gibt es das Kastensystem nicht mehr - es wurde abgeschafft. Wir hatten allerdings den Eindruck, dass es trotzdem in den Köpfen der Menschen drin ist und eine Vermischung nicht erwünscht ist. Jeder trägt immer noch sein Erkennungszeichen und die Berufe und Lebensgefährten werden auch immer noch danach ausgesucht. Man lebt eben nebeneinander her. 

 

Dreck: Ja, Indien ist dreckig. Natürlich riecht es dadurch an vielen Stellen sehr unangenehm. Es gehört aber irgendwie dazu. Es ist zwar verstörend und schockierend, aber that's India! 

 

Essen: Das Essen ist wirklich ein Highlight, ich wurde nicht enttäuscht. Es ist zwar sehr komisch, dass alle nur mit einer Hand essen und das Essen (häufig) in stählernen Näpfen serviert wird, aber es schmeckt einfach himmlisch. Der Duft, die Farben, das beiliegende Naan-Brot ... klasse :) Alleine deswegen lohnt sich eine Reise in dieses Land!

 

Vorurteile: Vorurteile bleiben Vorurteile. Sicherlich kann man das Land auf diese begrenzen und wie eingangs erwähnt stimmen sie auch. ABER: das Land und die Kultur hat so viel zu bieten, dass es sich lohnt über die Nachteile und Probleme hinwegzusehen und eine Reise zu wagen - vorausgesetzt man hat einen starken Magen und einen starken Willen. Ich kann es nur empfehlen und hoffe, dass ich noch einmal dorthin reise.

Tipps

Dinge die man unbedingt in Indien tun sollte:

  • Zugfahren (am besten in der dritten Klasse)
  • Bier in einem der mysteriösen Läden trinken
  • Einer indischen Hochzeit beisitzen (keine Sorge, man muss die Leute nicht kennen, jeder ist herzlich willkommen und es finden permanent Hochzeiten irgendwo statt)
  • Das viele leckere Essen kosten
  • Nachts durch Mumbai oder eine andere Großstadt durch schlafende Menschen "spazieren"
  • Riksha fahren
  • Ein Henna-Tattoo machen lassen

Zur Sicherheit: Indien ist im Allgemeinen ein sicheres Land. Wir haben uns nie unsicher gefühlt und andere Reisende (auch allein reisende Frauen) getroffen, die das gleiche berichtet haben. Man sollte vielleicht nicht alleine durch die Slums laufen, aber ansonsten ist alles kein Problem. Sicherlich wird man häufig angestarrt und manchmal angefasst und die Inder kennen auch keine persönlichen Grenzen (in einer Schlange steht man immer auf Kontakt), aber das gehört dort eben zur Kultur und nach einiger Eingewöhnungszeit ist es auch nicht so schlimm.

Ein viel größeres Problem sind die unterschiedlichen Krankheiten, denn neben Malaria und Denguefieber sind Tollwut, Hepatitis A und diverse Magenerkrankungen vorhanden. Eine gute Vorbereitung ist deshalb essentiell. Beim Essen gilt generell peal it, cook it or leave it! 

 

Zum Finanziellen: Indien ist generell sehr billig. Mit nur ein paar Euros kann man es sich sehr gut gehen lassen. Essen und Transport (3te Klasse) kosten fast nichts. Sicherlich versuchen viele einen übers Ohr zu hauen, mit gesundem Menschenverstand und Achtsamkeit ist aber auch das kein Problem. "Blessings" also Segen von irgendwelchen Mönchen an Hauptplätzen sollte man vielleicht lieber nicht annehmen, da diese sofort Geld dafür haben wollen ;)

 

Vergleich zum Rest Asiens: Der kulturelle Unterschied zwischen Europa und Indien ist riesig - deutlich größer als zu anderen Ländern in Asien. Als Einstiegsland würde ich vielleicht was anderes vorziehen, da es einfach schwierig ist und man danach fast wieder Urlaub braucht. Ansonsten ist Indien komplett anders als der Rest Süd-Ost-Asiens und in jedem Fall eine Reise wert!

 

Fjodor

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